Lunas Blog

Hier bloggen Menschen, die Zwangsheirat erlebt haben oder davon bedroht sind.
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Die Anfänge in meinem neuen Leben

Der weitere Verlauf:

Ich wusste natürlich nicht, was ich als nächstes tun sollte, schließlich war ich offiziell noch Studentin, das neue Semester hatte angefangen, ich musste schnell handeln. Eines war nach langem hin- und her klar: ich konnte auf keinen Fall in München bleiben und schon gar nicht auf dieser Uni, meine Familie kannte sowohl meine Wohnadresse in München, bei der ich nicht mehr war, ich habe ja bei meiner Freundin gewohnt, als auch meine Uni Adresse und meine Studienrichtung...

Theoretisch mussten sie ja nur Geduld haben, sich vor die Uni stellen und warten, bis ich ihnen in die Arme laufe früher oder später. Also musste ich umziehen! Hauptpunkt für mich war, dass ich normal weiterstudiere, das wollte ich nicht aus den Augen verlieren. Natürlich war ich immer noch fertig, traurig, ich hätte mich am liebsten versteckt und nur noch geheult, aber das hätte ja niemandem was gebracht, am allerwenigsten mir selbst.

Ich musste mein Leben ganz schnell wieder hinbekommen. Ich durfte mich nicht verkriechen! Ich war doch jetzt frei, war es nicht das, was ich wollte, frei sein? Doch war es, aber genießen konnte ich es nicht, ich vermisste meine Geschwister furchtbar, meine Freunde, meinen Freund, meine Mutter, ich wollte zu meiner Mama! Aber das ging nicht mehr, ich konnte nicht zurück.

Wäre ich zu dem Zeitpunkt oder auch jetzt noch, zurückgegangen, dann wäre das ja praktisch Selbstmord gewesen und damit meine ich das nicht mal wörtlich. Ich muss nicht umgebracht werden, um tot zu sein. Mein Leben wäre mir nichts wert, wenn nicht ich es bin, die entscheidet, wenn ich nur eine Marionette wäre, die gesteuert werden würde. Außerdem hätte ich es nicht ausgehalten, mir ständig diese schrecklichen Vorwürfe anzuhören, ich war es leid.

Ich habe mir immer dadurch Mut gemacht, dass ich gesagt habe, dass es nur besser werden kann, dass ich jetzt mein eigens Leben hätte und jetzt, Schritt für Schritt, wieder ein normales Leben aufbauen kann, mit meinem Freund zusammen. Tja jetzt ist einige Zeit schon vergangen, aber nun ja nicht viel, 3 Monate um genauer zu sein, und ich muss sagen, ich bereue es nicht.

Es gibt Tage, an denen ich meine Familie, meine Mama vermisse, so wie jetzt, wenn ich das hier schreibe, aber letztendlich muss man sich die Gesamtsituation angucken. Ich komme auch ohne die Familie gut zurecht. Ich studiere in einer anderen Stadt, und wohne in einer WG.

Zusammen mit Terre des Femmes habe ich für mich einen Schutzplan ausgearbeitet und mir eine neue Identität aufgebaut. Ich denke mir vieles aus meinem „alten" Leben aus, oder verschweige die eine oder andere Information einfach.

Ich muss sagen, obwohl ich es selbst nicht für möglich gehalten habe, bin ich zufrieden, ich komme gut klar und so langsam kommt wieder Alltag in mein Leben, ich entscheide jetzt selbst alles, was manchmal auch scheiße ist, man muss so viel entscheiden, vor allem in der Anfangszeit, aber diese Entscheidungen treffe ich ganz alleine, ohne, dass ich auf irgendwen achten muss, es geht nur um mich und meine Wünsche zur Abwechslung.

Tja was soll ich noch sagen. Vielleicht seid ihr in einer ähnlichen Situation. Ich kann euch nur sagen: traut euch, wagt es, euer eigenes Leben zu führen. Die Familie ist auch nur egoistisch, denn wer interessiert sich eigentlich für dich persönlich, du bist doch eigentlich unwichtig. Deine einzige Aufgabe ist es, Ehre zu bewahren und so beliebt wie nur möglich zu werden, um noch mehr Ehre zu bekommen. Ob du dabei unglücklich bist, ist eigentlich egal, Hauptsache die Familie ist glücklich.

Ihr müsst an euch denken, so egozentrisch das auch klingt, aber du bist es, die die Aufgabe hat, auf dich selbst aufzupassen und du bist es, die weiß, was dich glücklich macht. Der Anfang ist immer schwer, aber ist der erste Schritt getan, folgen die anderen wie von selbst.

Und wenn du schon weggelaufen bist, dann verkrieche dich nicht irgendwo, das Leben geht weiter, du musst für dein eigenes Glück sorgen, niemand sonst. Und ich weiß, dass man sich alleine fühlt und es einem peinlich ist, irgendwem irgendwas zu erzählen. Aber man ist nicht alleine, man hat Freunde, man hat einen neuen Ort, an dem man neue Freunde kennen lernen kann.

Schau dir die Menschen gut an und sprich mit einer Person, auf du dich verlassen kannst, es ist gut, über alles zu reden! Außerdem kann eine andere Person die Lage viel objektiver sehen und nützliche Tipps geben. Lass dir helfen und sei dir sicher, dass du nicht alleine bist, die so was durchmacht.

Tausende Mädchen laufen von zu Hause weg, auch sie sind unglücklich in ihrer Familie, und du hast damit auch nichts Böses gemacht. Es ist nicht deine Schuld, dass du hier in einem aufgeklärten Land aufgewachsen bist und deine Vorstellung vom Leben anders aussieht als die deiner Familie.

Sei mutig und kämpfe für deine Ziele, für dein Glück...

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Donnerstag, 29. Juni 2017

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